Liberty…

…Tranquillity…

…Remedy

 
 
 

Wer bin ich? 


Ich bin jeder und niemand.

Stell dir vor, du sitzt mit 80 anderen Menschen in einer grossen Halle… mitten in den Bergen. Es gibt kein Internet, keine Technologie. Ihr dürft in keinster Weise miteinander kommunizieren, nicht einmal durch Blickkontakt. Du sitzt auf einem Meditationskissen und hörst deinen Gedanken zu. So wie schon seit den letzten sieben Tagen, zwölf Stunden am Tag. Du beobachtest in deinem Geist, wie bestimmte Erfahrungen dich geprägt haben. Wie sie dein Leben so schwierig gemacht haben. Manchmal zu schwierig, um weiterzumachen. Wie niemand den Schmerz verstehen könnte. Deine Ex-Partnerin, die dich verlassen hat. Wie deine Eltern dich verletzt haben. Wie der Beruf, auf den du die letzten zehn Jahre deines Lebens hingearbeitet hast, am Ende nicht das war, was du dir vorgestellt hattest… Und plötzlich merkst du… jeder andere Mensch in dieser Halle hat ähnliche Gedanken. Sie sind aus einem ähnlichen Grund hier. Das Leben ist zu schwer geworden. Wenn meine Gedanken und Erfahrungen also so einzigartig waren… warum denken dann alle anderen dasselbe? Und es sind nicht nur die 80 Menschen in dieser Halle. Es sind zehn Milliarden Menschen auf der ganzen Welt… die ebenfalls Schmerz erleben und kämpfen.

Ich machte damals einen Vipassana-Retreat an einem Ort namens Worcester in Südafrika. Mir wurde klar, dass meine Gedanken gar nicht so einzigartig sind und dass ich nicht Besonderes bin. Mir wurde klar, dass es keinen Unterschied machen würde, wenn ich aus dieser Welt verschwinden würde. Ich bin einer von zehn Milliarden Menschen. Welchen Unterschied würde das schon machen? Es ist ein beängstigendes Gefühl…, wie klein man in dieser Welt ist. Aber… zugleich ist es befreiend.

Wenn einem bewusst wird, dass Milliarden von Menschen auf der Welt Ähnliches denken und empfinden, erscheinen die eigenen Probleme plötzlich weniger bedeutend. All dieses Leid, und in vielen Fällen auch das Unrecht, das dir widerfahren ist, ist dir nicht passiert, weil du du bist… sondern weil das Leben so ist. Ich bin mir sicher, dass die meisten der 80 Menschen in dieser Halle irgendwann dieselben Gedanken, Gefühle oder denselben Schmerz erlebt haben. Und ich bin mir sicher, dass sie, genauso wie ich, nach einer logischen Erklärung gesucht haben, warum ihnen das passiert ist.

Eines meiner Lieblingszitate stammt von Erling Kagge. Ein norwegischer Anwalt und Entdecker, der als erster Mensch den Nordpol, den Südpol und den Gipfel des Mount Everest zu Fuss erreicht hat. Als er nach 42 Tagen allein den Nordpol gegangen ist, wurde ihm etwas klar: „There is no there… there.“ Das Ende des Nordpols war leer…

Wir alle kennen dieses Gefühl: Wir arbeiten hart auf etwas hin und sind überzeugt, dass die Belohnung gross sein wird. Stell dir nun vor, du läufst 42 Tage lang durch eisige Kälte zum Nordpol… und dort angekommen, ist einfach nichts. Übertragen wir das auf unser Leben. Die meisten Dinge sind nicht aus einem bestimmten Grund passiert. Sie sind passiert, weil das Leben eben so ist. Das Leben besteht aus Höhen und Tiefen. Manchmal passieren gute Dinge… manchmal eben nicht. Hör auf, anderen Menschen die Schuld für das zu geben, was dir widerfahren ist. Und hör auf, deine Antriebslosigkeit damit zu rechtfertigen, was jemand zu dir gesagt hat, was jemand dir angetan hat oder wie deine Eltern zu dir waren. Es ist einfach das Leben.

Hier eine meiner Lieblingsszenen. EIn Abschnitt von Rocky Balboa der Film. Diese Szene berührt mich immer, weil sie das ganze Leben in 4 Minuten zusammenfasst. 

https://youtu.be/vyYDz_A6HO8?si=dZ0zUzN_gwYs3NQN


Jeder hat ähnliche Gedanken wie ich… also bin ich jeder.

Was mich von allen anderen unterscheidet, ist die Konstellation dieser Gedanken und Erfahrungen. Nicht ihre Interpretation. Es gibt nur begrenzte Möglichkeiten, sie zu interpretieren. Entweder gehst du weiter… lässt nicht zu, dass sie dein Leben oder deinen Umgang mit den Menschen um dich herum bestimmen… oder du machst sie zum Meister deines Lebens und lässt dich in einem Hamsterrad aus Angst, Depression und Schwäche gefangen halten.

Wenn ich aus dieser Welt verschwinden würde, würde das keinen Unterschied machen. Also bin ich niemand. Selbst die mächtigsten Menschen der Welt sind nichts Besonderes. Statistisch gesehen musste irgendjemand in eine mächtige Position gelangen. Manche von ihnen waren einfach nur naiv oder mutig genug zu glauben, dass sie mächtig werden könnten. Und genau das wurden sie dann auch. Die moderne wie auch die vergangene Geschichte kennt viele Beispiele solcher Menschen.

Wie bin ich also hier gelandet?

Fangen wir dort an, wo ich heute stehe.

Ich bin Arzt in der Schweiz und schliesse gerade meine Facharztausbildung in Dermatologie ab. Ursprünglich komme ich aus Damaskus, Syrien (die älteste Hauptstadt der Welt). 

Mein Weg zur Medizin wurde von meinem Ururgrossvater, Dr. Abdulkader Zahraa, geprägt. Er war einer von zehn Ärzten in Damaskus. Ausserdem war er einer der beiden Gründer der Medizinischen Fakultät der Universität Damaskus. Nachdem die Fakultät gegründet wurde, studierten dort Frauen und Männer. Während der kurzen demokratischen Phase Syriens, bevor das Land zur Diktatur wurde, war er zudem ein einflussreicher Politiker.

Als einer seiner engen Freunde während des Aufstiegs der Baath-Partei ermordet wurde, jener Partei, die später Assad den Weg zur Macht ebnete, zog er sich aus der Politik zurück. Er behandelte arme Menschen kostenlos und gab ihnen sogar ihre Medikamente umsonst.

Für mich ist genau das die Definition eines moralischen Arztes. Deshalb ist er mein Vorbild.

In Medizin geht es nicht darum, Menschen zu helfen. Es geht in meinen Augen darum, Menschen zu verstehen. Zu erkennen, dass es nicht um mich geht, sondern um sie…

Wenn Ärzte nicht mehr weiterwussten, suchten sie den Rat meines Ururgrossvaters.

Und selbst heute noch passiert es, wenn ich in Al Shaalan einkaufen gehe (dem Viertel in Damaskus, in dem er lebte, grosse Teile besass und in dem ich einen Grossteil meiner Kindheit verbracht habe) fragen mich ältere Menschen, die ihr ganzes Leben dort verbracht haben, aus welcher Familie ich stamme. Und wenn ich ihnen antworte, sagen sie:

„Dein Ururgrossvater war ein grossartiger Mann.“

My great-great grandfather: Dr. Abdulkader Zahraa

Nach dem Abitur wollte ich unbedingt im Ausland studieren. Auf meinem Schreibtisch lag eine Broschüre der American University of Beirut (einer der besten Universitäten des Nahen Ostens). Ich schaute sie mir jeden Tag an. Sie motivierte mich, unzählige Nächte bis drei oder vier Uhr morgens zu lernen.

Acht Stunden Lernen nach der Schule waren für mich normal. Am Wochenende lernte ich zwölf Stunden am Tag. Ich wollte Bestnoten erreichen und hoffte, dass sie mir zu einem Stipendium im Ausland verhelfen würden.

Am Ende schloss ich die Schule mit einem der besten Abiture in Damaskus ab.

Meine Eltern wollten jedoch nicht, dass ich das Land verlasse. Sie hatten Angst, dass ich als 17-Jähriger im Ausland Drogen nehmen und mit Prostituierten schlafen würde. Also begann ich, Medizin an der Universität Damaskus zu studieren. An derselben Fakultät, die mein Ururgrossvater mitgegründet hatte.

Ich hasste es.

Es war das Jahr 2013. Der Aufstand in Syrien hatte gerade begonnen. Ganz Damaskus war voller Militärcheckpoints. Die Universität wimmelte von Militärkräften. Und einer meiner Freunde wurde direkt auf dem Universitätsgelände von der Staatspolizei verhaftet. Er war, genau wie ich, ein Gegner des Assad-Regimes.

Ein paar Tage später tauchte die Staatspolizei im Haus meiner Grossmutter auf, wo meine Freunde und ich uns häufig trafen. Sie fragten nach den Namen aller Menschen, die sich dort aufhalten.

In diesem Moment wusste ich, dass sie… nach mir suchten.

Was würdest du in dieser Situation tun? Fliehen? Als Flüchtling in der Türkei oder in Ägypten landen? Was ist mit meiner Zukunft? Und wie sollte man überhaupt aus einem Land entkommen, das voller Militärcheckpoints ist?

Flüchtling zu werden, war für mich nie eine Option. Ich werde niemals zulassen, dass andere über mein Schicksal entscheiden. Bildung war einer der wichtigsten Werte meines Lebens. Es ist eines der Dinge, in denen ich richtig gut bin. Nachdem ich meine Werte im Leben klar definiert habe: Selbstbestimmung und Bildung, traf ich meine Entscheidung. Ich werde mich der Angst stellen.

Ich versprach mir selbst: Wenn ich heute an der Universität nicht von der Staatspolizei verhaftet werde, werde ich alles in meiner Macht tun, damit ich so etwas nie wieder erleben muss. Also ging ich zur Universität und dachte: Wenn sie nach mir suchen, werden sie mich dort verhaften.

Entweder gehe ich heute Abend wieder nach Hause…oder ich werde nie wieder das Tageslicht sehen.

Da ich heute diese Zeilen schreibe, wisst ihr, wie die Geschichte ausgegangen ist. Ich wurde nicht verhaftet. 

Nach diesem Tag verschickte ich Hunderte von E-Mails an Universitäten auf der ganzen Welt und fragte nach einem Stipendium. Boston University in den USA und eine Universität in Chicago boten mir ein Stipendium an.. Ich dürfte alles studieren ausser Medizin.

Also stellte ich mir die Frage: Wenn in zehn Jahren alle meine Freunde Ärzte sind und ich nicht, werde ich es bereuen, kein Arzt geworden zu sein? 

Die Antwort war eindeutig: Ja. Also suchte ich weiter.

Eine Freundin meinte zu mir, dass sie nach Deutschland zieht, um dort Medizin zu studieren. Unser syrisches Abitur wird in Deutschland anerkannt. Sie sagte mir:

„Wenn du ausreichende Deutschkenntnisse vorweist, kannst du dich an einer Universität bewerben. Mit deinen Noten bekommst du garantiert einen Studienplatz.“

Also habe ich angefangen Deutsch zu lernen. Zwei Monate später beantragte ich ein Studentenvisum für Deutschland. Im Juni 2013 zog ich dorthin. 2021 schloss ich mein Medizinstudium an der Charité ab. Und nicht nur das. Ich erhielt sogar ein Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bis 2025 lebte ich in Berlin. Im Juli 2025 zog ich in die Schweiz.

Ich hasste Berlin. Es ist ein Ort, an dem jeder willkommen ist. Genau deshalb fühlen sich dort auch viele psychisch kranke Menschen willkommen. Von Borderline-Störung, Depressionen, Manien zu Schizophrenie und Angststörungen, alle sind da und fühlen sich wohl. Viele sind überzeugt, dass ihre psychischen Erkrankungen etwas Gesundes sei und dass alle anderen sie genauso akzeptieren müssten, wie sie sind. Und wenn du das nicht tust, bist du ignorant, konservativ oder krank. 

Seit wann sind Pathologien die gesunde Art zu leben?

Andere glauben, dass man das Leben ohne Drogen nicht geniessen kann. Also leben sie zwei Wochen lang in einem elenden Loch, bis endlich wieder Wochenende ist, sie auf eine Party gehen, Drogen nehmen und sich für ein paar Stunden euphorisch fühlen.

Psychische Probleme zu haben, ist völlig in Ordnung.

Ich habe bisher noch keinen Menschen kennengelernt, der psychisch vollkommen gesund ist. Wir alle haben unsere Probleme. Und ein gesundes Mass an Selbstreflexion ist meiner Meinung nach der richtige Weg, mit ihnen umzugehen.

Durch die Welt zu gehen und allen anderen die Schuld dafür zu geben, wer du bist, ist nicht gesund. Drogen zu nehmen, nur um sich für ein paar Stunden euphorisch zu fühlen, ist nicht gesund. Die ganze Zeit „Freiheit“ zu schreien und dabei das selbstgebaute Gefängnis, in dem man lebt, nicht zu erkennen, ist nicht gesund. Menschen Vorträge über Leben und Freiheit zu halten und sie gleichzeitig auszuschliessen, weil sie deine Ansichten nicht teilen, ist nicht frei.

Berlin ist voller solcher Muster.

Wie sehe ich das Leben?

Ich bin true liberal

Ein true liberal glaubt, dass jeder Mensch das Recht hat, so zu leben, wie er möchte, und dass wir unseren Mitmenschen helfen sollten, wenn wir dazu in der Lage sind.

Ich glaube an Deregulierung. Ich glaube, der Staat sollte nur begrenzt Vorschriften erlassen. Ich  glaube z.B. nicht, dass der Staat vorschreiben soll, dass wir uns im Auto anschnallen müssen. Menschen sollten Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen.

Es ist hilfreich, einige meiner Lieblingsphilosophen und Politiker zu nennen, damit du eine Vorstellung davon bekommst, wofür ich stehe: Ich bin ein Fan von Margaret Thatcher, Ronald Reagan, Milton Friedman, Friedrich von Hayek, John Stuart Mill, Nassim Taleb und Michael Sandel.

Alex Honnold, der El Capitan in Kalifornien im Free Solo bestiegen hat, spricht über Risiko. Er sagt, dass Free Soloing weniger riskant ist, als die meisten Menschen glauben. Denn du trägst eine viel grössere Verantwortung für jeden einzelnen Schritt. Du gehst weniger Risiken ein, weil du weisst, dass dich nichts retten wird, wenn du fällst.

Wenn du dein ganzes Leben an einem Ort verbringst und glaubst, dass es der beste Ort der Welt ist, dann bist du naiv. Den besten Ort gibt es nicht. Unsere Bedürfnisse verändern sich mit der Zeit. Das Leben besteht aus verschiedenen Phasen. Es gibt eine Phase, in der du gerne Bier trinkst, Zeit mit einer bestimmten Gruppe von Freunden verbringst und dich zu einem bestimmten Typ Mensch hingezogen fühlst. Und dann…ändert sich das. Mit dieser Veränderung ändern sich auch deine Erwartungen an den Ort, an dem du lebst. Man kann nicht allein im Paradies glücklich sein. Selbst an den schönsten Orten der Welt bestimmen die Menschen um dich herum, wie glücklich du wirklich bist.

Nach meinem Studium wollte ich etwas anderes ausprobieren. Also schloss ich mich einem Start-up an, das eine digitale Gesundheitslösung für Menschen mit Herzerkrankungen entwickeln wollte. Ich arbeitete dort sechs Monate. Ich habe viel gelernt. Aber nicht das, was du wahrscheinlich denkst.

Was ich gelernt habe, war, wie naiv ich mit 26 Jahren war. Ich arbeitete dort als Co-Founder und Chief Medical Officer. Ein beeindruckender Titel… der nichts wert ist.

Start-ups locken dich mit grossen Titeln. Es ist, als würde dir jemand Sterne aus fernen Galaxien verkaufen. Die eigentliche Frage lautet: Wie viel Macht habe ich wirklich? Wie viele Unternehmensanteile besitze ich? Und wie lange wird es dauern, bis ich die Anteile bekomme, die versprochen werden? Und sind diese Anteile etwas wert?

Je unklarer diese Fragen beantwortet bleiben…desto leerer sind die Versprechen. Nach einigen Monaten stellte ich mir deshalb eine Frage: Möchte ich dort weitermachen? Oder möchte ich mit Patienten arbeiten?

Ich entschied mich für Letzteres. Und das war definitiv die richtige Entscheidung.


Meine Doktorarbeit schrieb ich im Bereich Public Health. Dabei entwickelte ich eine neue Methode, um vermeidbare Todesfälle in einer geschlossenen Population zu messen. Dafür müssen zunächst eine Krankheit und die Bevölkerung definiert werden, die untersucht wird. Wie homogen eine Bevölkerung ist, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die USA sind dafür ein gutes Beispiel. Europa war deutlich schwieriger zu analysieren, weil jedes Land über ein anderes Gesundheitssystem verfügt.

In meiner Doktorarbeit konnte ich zeigen, dass Patienten mit COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung) in Bundesstaaten wie Kentucky und Oklahoma eine deutlich geringere Lebenserwartung hatten, etwa sechs Jahre weniger, als COPD-Patienten in Kalifornien oder New Jersey.

Meine Doktorarbeit kannst du hier lesen:

https://open.uni-marburg.de/entities/thesis/da82069e-eaf4-437e-b571-dc8a7e575840


Und was jetzt?

Ich weiss es nicht mehr.

Ich habe es satt, Pläne zu schmieden.

Alles, was in meinem Leben passiert ist, verlief anders als geplant.

Falls du dich fragst, warum ich einen so exotischen Nachnamen habe (oder Vornamen, je nachdem, wo auf der Welt du das gerade liest): Ich war mit einer deutschen Frau verheiratet. Ich nahm ihren Nachnamen an, weil mein eigentlicher Nachname (Al Natafji) sowohl auf Deutsch als auch auf Arabisch schwer auszusprechen ist.

Aber das ist nicht alles…

Ich wollte Deutscher werden. Ich versteckte mich selbst, mein wahres Ich, in meiner Beziehung, in meiner Arbeit, in meinem Leben, in der Gesellschaft. Ich wollte einer von ihnen sein.

Wie du dir vorstellen kannst…funktioniert das nur eine gewisse Zeit. Bis dies wie Legosteine zerfällt. Ich stellte mir die Frage: Wer bin ich wirklich?

Während meines Vipassana-Retreats in den Bergen weinte ich jeden Tag…

morgens,...

nachmittags…

und abends.

Ich weinte um mich selbst.

Warum habe ich meine Identität all die Jahre versteckt? Warum habe ich zugelassen, dass mir jemand über Jahre das Gefühl gibt, besser zu sein als ich…nur weil sie an einem anderen Ort geboren wurde?

Und wie konnte ich glauben, irgendwo dazuzugehören, nur weil ich eine Frau aus dieser Region geheiratet hatte oder dort mehr als zwölf Jahre gelebt hatte? Macht dich ein deutscher Pass wirklich zu einem Deutschen?


In mir trage ich zwei Religionen: den Islam und das Christentum. Meine Eltern sind Muslime. Meine Urgroßmutter war Christin. Elf Jahre lang besuchte ich eine griechisch-orthodoxe Schule.

Am Ende entschied ich mich dafür, Agnostiker zu werden.

Religion ergab für mich nie wirklich Sinn. Die Hölle erscheint mir viel unterhaltsamer als das Paradies…Dort hängen schliesslich all die coolen Leute herum. 

Ich kann nicht sagen, ob es Gott gibt oder nicht. 

Aber…ich glaube, ich habe in meinem Leben genug Gutes getan, um seine Sympathie zu gewinnen…falls es ihn überhaupt gibt.

Ich war sowohl in Kirchen als auch in Moscheen. An beiden Orten spüre ich Wärme. Aber ich hatte nie das Gefühl, gehört zu werden.

In mir trage ich zwei Kulturen: Die syrische und die deutsche. Ich war 19 Jahre alt, als ich nach Deutschland zog. Das hat mich stark geprägt. Auch heute empfinde ich Wärme, wenn ich mit Deutschen spreche. Ich fühle eine Verbundenheit. Ich bin deutscher Staatsbürger und stolz darauf. Aber ich bin auch Südländer. Ich habe den Stolz des Nahen Ostens. Ich habe die Gastfreundschaft der Araber. Ich liebe wie ein Araber. Für mir nahe stehenden Personen  würde ich Berge versetzen. Und ich habe die Liebe zur Freiheit, die den Westen prägt. Ich trinke Bier wie ein Deutscher. Manchmal bin ich direkt wie ein Deutscher. Und nachdem ich in der Schweiz gelebt habe, bin ich höflich geworden wie die Schweizer.

Wo gehöre ich also hin?

Es gibt ein Buch mit dem Titel „Wherever You Go, There You Are“ von Jon Kabat-Zinn (ich liebe diesen Menschen, besonders seine Mountain Meditation).

Was für ein wunderschöner Satz.

Wherever You Go… There You Are.

Du willst wissen, was Zugehörigkeit bedeutet?

Hier ist die Antwort:

Du…Du bist die Anwort. 

Nicht die anderen….Nicht der Ort…Nicht die Kultur….Nicht ein Reisepass oder eine Geburtsurkunde….Sondern Du.

Es gibt noch so viel zu erzählen. Die Geschichte ist so unglaublich lang…und unglaublich schön.

Deshalb schreibe ich gerade ein Buch. Es heisst „Belong“. Es erscheint Ende 2027.

Also bleib dran.

Bis dahin…werdeich von Brücken springen… Berge besteigen…Ozeane tauchen…und überall und jederzeit Gutes zu tun… und das Leben geniessen…bis zum letzten verdammten Atemzug.